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Glossar ETIM

Was ist ETIM?

Definition

ETIM ist ein internationaler Klassifikationsstandard für technische Produkte, vor allem aus dem Elektro-, Sanitär-, Heizungs- und Baustoffgroßhandel. Jedes Produkt wird einer Produktklasse mit fest definierten Merkmalen zugeordnet, sodass Hersteller, Großhandel und Handwerk dieselben Produktdaten in derselben Struktur austauschen können. Getragen wird der Standard von der gemeinnützigen Organisation ETIM International mit Sitz in den Niederlanden.

Ein Holzständer mit gestaffelten Bohrern, jeder in seinem Loch — daneben der Titel ETIM
Jeder Bohrer hat sein Loch, weil alle gleich gemessen sind
Auf dieser Seite 6
  1. Grundlagen: Merkmalsklassen, Struktur
  2. ETIM vs. BMEcat: Klassifikation vs. Datenformat
  3. Wer ETIM pflegt und wie der Standard entsteht
  4. Praktischer Nutzen: durchsuchbare, vergleichbare Produktdaten
  5. Praktische Hinweise für Unternehmen, die ETIM einführen wollen
  6. Häufige Missverständnisse
Kurz gefasst

Wie eine ETIM-Produktklasse aufgebaut ist, am Beispiel einer Steckdose. Wer den Standard seit 1991 pflegt, wie oft er aktualisiert wird und was ETIM 11.0 bedeutet. Worin sich ETIM von BMEcat, ETIM xChange und GS1 unterscheidet. Und wofür ein Unternehmen im technischen Großhandel die Klassifikation praktisch braucht.

Ein Holzständer mit gestaffelten Bohrern, jeder in seinem Loch — daneben der Titel ETIM
Jeder Bohrer hat sein Loch, weil alle gleich gemessen sind

Grundlagen: Merkmalsklassen, Struktur

ETIM ordnet technische Produkte in zwei Ebenen. Ganz oben stehen Produktgruppen, eine reine Verwaltungsebene zur Übersicht. Darunter liegt die eigentliche Arbeitsebene: die Produktklasse. Eine Produktklasse fasst vergleichbare Produkte unterschiedlicher Hersteller unter einer Definition zusammen, etwa "Steckdose" oder "Leitungsschutzschalter". Jede Steckdose jedes Herstellers landet, unabhängig von Marke oder Modellbezeichnung, in derselben Klasse.

Jede Produktklasse trägt einen festen Satz an Merkmalen, den technischen Eigenschaften, mit denen Produkte innerhalb dieser Klasse einheitlich beschrieben werden. ETIM unterscheidet vier Merkmalstypen. Alphanumerische Merkmale (A) übernehmen einen Wert aus einer vorgegebenen Liste, etwa eine Farbe oder eine Montageart. Numerische Merkmale (N) bestehen aus einem einzelnen Zahlenwert, etwa der Nennspannung. Logische Merkmale (L) beantworten eine Ja/Nein-Frage, etwa ob ein Klappdeckel vorhanden ist. Bereichsmerkmale (R) geben zwei Zahlenwerte an, die eine Spanne begrenzen, etwa einen zulässigen Betriebstemperaturbereich. Numerische und Bereichsmerkmale benötigen fast immer eine Einheit, die einzige Ausnahme sind reine Zählmerkmale wie "Anzahl von...".

Ein vereinfachtes Beispiel macht das Prinzip greifbar. Eine Unterputz-Steckdose könnte in ihrer Produktklasse mit Merkmalen wie Nennspannung (numerisch, Einheit V), Nennstrom (numerisch, Einheit A), Schutzart nach IP-Code (alphanumerisch, aus einer definierten Werteliste), Anzahl der Steckplätze (numerisch) und Klappdeckel vorhanden (logisch) beschrieben sein. Ein Hersteller trägt für sein konkretes Modell bei jedem dieser Merkmale den passenden Wert ein, ein anderer Hersteller füllt dieselben Merkmale für sein eigenes Modell. Das ist eine didaktische Vereinfachung, keine wörtliche Wiedergabe der aktuell gültigen ETIM-Klassendefinition, die im Online-Werkzeug ETIM Viewer gepflegt wird und sich mit jedem Release ändern kann.

Jede Klasse, jedes Merkmal, jeder Wert und jede Einheit trägt eine sprachunabhängige Kennung. Nur die Beschreibungen dazu sind sprachabhängig. Deshalb kann ein deutscher Großhändler mit einem spanischen Installateur denselben Datensatz austauschen, ohne dass Bedeutung verloren geht, auch wenn die Feldbezeichnungen in den jeweiligen Systemen in unterschiedlichen Sprachen erscheinen. Diese Sprachunabhängigkeit ist einer der Hauptgründe, warum sich ETIM über die Niederlande hinaus international durchsetzen konnte.

Zusätzlich pflegt ETIM International zu jeder Klasse Synonyme: alternative Bezeichnungen, unter denen dieselbe Produktklasse in unterschiedlichen Ländern oder Sektoren geläufig ist. Ein Großhändler, der in seinem eigenen Sortiment eine abweichende, aber gebräuchliche Produktbezeichnung verwendet, findet über diese Synonyme trotzdem die passende Klasse, ohne die Struktur selbst zu ändern.

Die obere Ebene sortiert, die untere beschreibt.

ETIM vs. BMEcat: Klassifikation vs. Datenformat

ETIM wird häufig mit BMEcat oder dem neueren ETIM xChange verwechselt, dabei lösen die drei unterschiedliche Aufgaben. ETIM selbst ist das Klassifikationsmodell: Es legt fest, welche Klassen und Merkmale existieren und welche Werte diese annehmen dürfen. BMEcat war lange das gebräuchlichste Austauschformat dafür, ein XML-Format, mit dem klassifizierte Produktdaten in eine Datei verpackt wurden, die ein Empfänger in sein eigenes System einlesen konnte. ETIM International hat inzwischen mit ETIM xChange ein eigenes, JSON-basiertes Format eingeführt, das vollständig unter Kontrolle der Organisation selbst steht und BMEcat als bevorzugten Weg schrittweise ablösen soll. In einzelnen Ländern bleibt BMEcat parallel im Einsatz, eine Mapping-Datei zwischen beiden Formaten steht zur Verfügung.

StandardWas er istAufgabe
ETIMKlassifikationsmodellLegt Klassen, Merkmale und Werte fest
BMEcatAustauschformat (XML)Verpackt klassifizierte Daten für den Transport zwischen Systemen
ETIM xChangeAustauschformat (JSON)Neueres, von ETIM International selbst kontrolliertes Austauschformat

Ein weiterer Begriff, der in diesem Umfeld auftaucht, ist GS1 mit seinen bekannten EAN- und GTIN-Nummern. GS1 identifiziert ein konkretes Produkt eindeutig, meist über einen Barcode. ETIM beschreibt dagegen dessen technische Eigenschaften. Beide Systeme ergänzen sich in einem vollständigen Produktdatensatz, lösen aber unterschiedliche Fragen: GS1 beantwortet, um welches Produkt es sich handelt, ETIM, welche technischen Merkmale dieses Produkt hat.

Wer ETIM pflegt und wie der Standard entsteht

Getragen wird ETIM von ETIM International, einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in Margraten, Niederlande. Der Standard begann deutlich kleiner: 1991 initiierte der niederländische Verband der Elektroinstallateure das ETIM-Projekt für den eigenen Sektor. 1998 kam der Bereich Heizung, Lüftung, Klima und Sanitär in den Niederlanden dazu. 1999 folgte die erste internationale Ausweitung mit der Gründung von ETIM Deutschland.

2005 ermöglichte Version 3.0 erstmals einen reibungslosen Datenaustausch zwischen mehreren Ländern, ein wichtiger Schritt, weil bis dahin jede nationale ETIM-Organisation ihre Klassifikation noch weitgehend für sich pflegte. 2006 bildete sich daraus eine informelle internationale Interessengemeinschaft mit sechs Mitgliedern, 2008 wurde daraus die formale internationale Vereinigung ETIM International. 2009 kam der Schiffbausektor hinzu, 2014 die Bauindustrie. 2019 trat das 21. Mitgliedsland bei, 2020 wurde der Sektor Werkzeuge, Baubeschläge und Baustellenbedarf durch die Integration der proficl@ss-Klassifikation ergänzt, eines der wenigen Beispiele, bei denen ETIM International einen bestehenden externen Klassifikationsstandard vollständig übernommen hat, statt ihn parallel weiterzuführen. Heute umfasst ETIM International 21 nationale Länderorganisationen, die Klassifikation ist in 17 Sprachen verfügbar. Abgedeckt sind die Sektoren Elektrotechnik, Heizung/Lüftung/Klima/Sanitär, Baustoffe, Schiffbau sowie Werkzeuge und Baustellenbedarf.

Über Inhalt und Struktur der Klassifikation entscheidet ein Technisches Komitee bei ETIM International. Offizielle internationale Releases erscheinen laut ETIM International etwa alle drei Jahre, aktuell gültig ist ETIM 10.0, veröffentlicht im Dezember 2024. Zwischen den Hauptreleases gibt es zusätzlich dynamische Releases, mit denen bereits fertiggestellte oder veröffentlichungsreife Klassen zwischenzeitlich freigegeben werden, damit der Markt nicht jahrelang auf dringend benötigte neue Klassen warten muss. Im Januar 2026 hat das Technische Komitee die Release-Planung für die nächste Hauptversion, ETIM 11.0, genehmigt. Veröffentlicht war diese Version zum Zeitpunkt der Recherche noch nicht, ihr Status ist entsprechend als geplant und nicht als final zu lesen. Im Mai 2026 hat ETIM International zusätzlich eine eigene ETIM Academy als Lernplattform gestartet, ein Hinweis darauf, dass die korrekte Anwendung der Klassifikation inzwischen als eigenes Schulungsthema behandelt wird und nicht mehr als reines Nachschlagewerk gilt.

Praktischer Nutzen: durchsuchbare, vergleichbare Produktdaten

Der praktische Nutzen von ETIM liegt darin, dass Produktdaten unterschiedlicher Hersteller vergleichbar werden. Weil jedes Produkt einer Klasse denselben Satz an Merkmalen trägt, kann ein Webshop im technischen Großhandel Produkte verschiedener Marken nach denselben technischen Kriterien filtern, etwa Schalter nach Nennstrom oder Schutzart, unabhängig davon, wer sie hergestellt hat. Genau dafür wurde der Standard ursprünglich entwickelt: für den elektronischen Produktdatenaustausch zwischen Hersteller, Großhandel und Handwerksbetrieb, ohne dass jede Seite ihre eigenen Attributlisten pflegen muss.

Im E-Commerce des technischen Großhandels zeigt sich das am deutlichsten. Ein Webshop mit mehreren zehntausend Artikeln kann eine verlässliche Facettensuche nur anbieten, wenn die zugrunde liegenden Produktdaten einheitlich klassifiziert sind. Ohne ETIM müsste jeder Großhändler für jeden Lieferanten eigene Attribute pflegen und abgleichen. Mit ETIM übernimmt diese Arbeit größtenteils der Hersteller beim Anlegen seiner Produktdaten, einmal für alle Handelspartner statt einzeln für jeden. Nachgelagerte Systeme wie ERP, PIM oder der Webshop selbst können die klassifizierten Daten dann automatisiert weiterverarbeiten, ohne manuelle Nacharbeit für jedes einzelne Produkt.

Das ist etwas anderes als strukturierte Daten im Sinne von Schema.org, die Suchmaschinen beim Verstehen einer Webseite helfen. ETIM zielt nicht auf Suchmaschinen, sondern auf den Datenaustausch zwischen Geschäftspartnern in der technischen Lieferkette. Beide Konzepte strukturieren Produktinformationen einheitlich, aber für unterschiedliche Empfänger und mit unterschiedlichen Formaten.

Ein weiterer praktischer Fall ist die Suche nach einem technisch gleichwertigen Ersatzprodukt. Ist ein bestimmtes Modell eines Schalters nicht mehr lieferbar, kann ein Installateur oder Einkäufer über die identischen ETIM-Merkmale, etwa gleiche Nennspannung, gleicher Nennstrom und gleiche Schutzart, gezielt nach einem vergleichbaren Modell eines anderen Herstellers suchen, statt Datenblätter einzeln von Hand zu vergleichen.

Das Raster ist der Nutzen, nicht die Einordnung.

Praktische Hinweise für Unternehmen, die ETIM einführen wollen

  • Vor dem Einstieg im ETIM Viewer prüfen, welche Produktklassen für das eigene Sortiment tatsächlich relevant sind, statt die gesamte Klassifikation auf einmal umsetzen zu wollen.
  • Die Zuordnung der eigenen Artikeldaten zu ETIM-Klassen und -Merkmalen zusammen mit dem ERP- oder PIM-System planen, nicht als reines Marketing-Projekt.
  • Bei der zuständigen nationalen ETIM-Organisation nachfragen, ob es länderspezifische Anforderungen oder Zertifizierungen für die exportierten Daten gibt.
  • Klären, ob die wichtigsten Handelspartner BMEcat oder ETIM xChange erwarten, und bei unterschiedlichen Anforderungen beide Formate einplanen.
  • Einen festen Prozess einrichten, um die eigene Klassifikation bei dynamischen Releases und bei einem Hauptrelease wie dem geplanten ETIM 11.0 aktuell zu halten.
  • Exportierte Dateien vor der ersten Lieferung an einen Handelspartner mit dem offiziellen BMEcat-Zertifizierungstool von ETIM International prüfen.

Häufige Missverständnisse

  • ETIM mit einer reinen Produktkategorie verwechseln: Hinter jeder Klasse steckt ein vollständiges System aus Merkmalen, Werten und Einheiten, nicht nur eine Bezeichnung oder Kategorie.
  • ETIM für eine gesetzliche Pflicht halten: Der Standard ist ein freiwilliger Industriestandard. Einzelne große Handelspartner können seine Nutzung aber vertraglich voraussetzen.
  • ETIM und BMEcat oder ETIM xChange gleichsetzen: ETIM ist das Klassifikationsmodell, BMEcat und ETIM xChange sind lediglich Formate, um die klassifizierten Daten zwischen Systemen zu transportieren.
  • Annehmen, ETIM decke jedes technische Produkt ab: Die Klassifikation ist auf die Sektoren Elektrotechnik, Heizung/Lüftung/Klima/Sanitär, Baustoffe, Schiffbau sowie Werkzeuge und Baustellenbedarf begrenzt.
  • ETIM als einmaliges Projekt betrachten: Weil Klassen und Merkmale mit jedem Release aktualisiert werden können, braucht eine gepflegte ETIM-Klassifikation einen laufenden Prozess, keinen einmaligen Abgleich.
Manuel Riveiro Rodriguez CEO & Digital Strategist

Eine technische Prüfung sieht sich das und alles Weitere in einem Durchgang an.

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Häufige Fragen

Wofür steht die Abkürzung ETIM?

ETIM International selbst schreibt die Abkürzung auf seiner Website nicht aus. Verbreitet ist die Wiedergabe "European Technical Information Model", das ist jedoch keine von der Organisation offiziell geführte Bezeichnung.

Ist ETIM für den Großhandel verpflichtend?

Nein. ETIM ist ein freiwilliger Industriestandard ohne gesetzliche Grundlage. In der Praxis setzen ihn aber viele große Großhändler und Hersteller im Elektro- und Sanitärbereich als Voraussetzung für die Zusammenarbeit voraus.

Welche Branchen nutzen ETIM?

Ursprünglich der niederländische Elektrosektor, heute Elektrotechnik, Heizung/Lüftung/Klima und Sanitär, Baustoffe, Schiffbau sowie Werkzeuge und Baustellenbedarf, organisiert über insgesamt 21 nationale ETIM-Organisationen.

Wie oft wird die Klassifikation aktualisiert?

Offizielle Hauptreleases erscheinen etwa alle drei Jahre, aktuell gilt ETIM 10.0 von Dezember 2024. Dazwischen gibt es dynamische Releases für einzelne neue oder überarbeitete Klassen, und die Release-Planung für ETIM 11.0 wurde im Januar 2026 genehmigt.

Was unterscheidet ETIM von BMEcat und ETIM xChange?

ETIM legt fest, welche Produktklassen, Merkmale und Werte existieren. BMEcat und das neuere ETIM xChange sind die Formate, mit denen diese klassifizierten Daten tatsächlich zwischen Systemen ausgetauscht werden.

Quellen

  1. ETIM International, „About us – History": bestätigt Gründungsjahr 1991, die Entwicklungsschritte bis 2020 und die aktuelle Zahl von 21 nationalen Mitgliedsorganisationen.
  2. ETIM International, „Classification – Model information": beschreibt die Struktur aus Produktgruppen, Produktklassen, Merkmalen, Werten und Einheiten sowie die vier Merkmalstypen (alphanumerisch, numerisch, logisch, Bereich).
  3. ETIM International, „Classification – Release policy": nennt die aktuelle Version ETIM 10.0 (Dezember 2024) und den ungefähr dreijährigen Rhythmus offizieller Hauptreleases.